Reisen mit Kind, geht das überhaupt? Oder sind Kinder der letzte Sargnagel für spannende Reisen? Wer so denkt, hat einfach nicht verstanden, worum es beim Reisen geht. Als wir das erste Mal mit Töchterli auf große Fahrt wollten, waren wir bereits im Vorfeld unglaublich gespannt. Denn wenn dieses kleine Wesen genauso gerne reist wie wir, dann können wir uns auf einiges gefasst machen.

Fernweh durch Familienleben?

Diese Frage spielt uns natürlich in die Hände. Doch warum eigentlich? Weil wir unsere Leser kennen. Wir bekommen Nachrichten, Mails und viele Kommentare von euch und wissen, wieso ihr hier seid. Klar, ihr habt Fernweh (Tipps gegen Fernweh findet ihr hier).Und wenn wir euch genauer Fragen, woran es liegt, ähnlich sich einige Geschichten.

Natürlich spielen oft finanzielle Gründe für Fernweh eine Rolle, doch immer häufiger erfahren wir auch, dass die Gründung einer Familie euer Reiseverhalten massiv einschränken. Ihr erzählt uns, wie viel und gerne ihr „früher“ gereist seid – vor dem Familienleben. Mit Kindern ginge das nicht mehr so häufig, mit Kindern ist das alles so teuer, mit Kindern kann man ja nicht überall hin. Mit Kindern hätte sich alles verändert.

Reisen mit Kind

Mit meiner Tochter reisen ist das größte :)

Stimmt, ein Kind bringt Veränderungen mit sich. Doch das wussten wir doch schon vorher. Plötzlich wird aus einem Duo ein Dreiergespann. Natürlich bleibt nicht alles beim Alten – und das ist auch gut so. Was wir dabei aber oft vergessen: es sind vor allem gute Veränderungen, die da kommen und nicht schlechte. Außerdem sind Kinder herrliche Helfer gegen Fernweh!

Mein Reiseleben VOR Töchterli

DAS waren noch Zeiten, als an ein häusliches Familienleben noch gar nicht zu denken war. Gerade im Studium bin ich wie verrückt gereist. Logisch, nie gab es eine Zeit, in der ich mehr Gelegenheit dazu hatte. Inzwischen liegt das Studium hinter mir und je mehr Zeit vergeht, desto mehr romantisiere ich diese Jahre. Ich sehe durch meine rosarote Brille die vielen, vielen Länder, die ich bereisen konnte, ich sehe den Rucksack, der mein einziges Gepäckstück war, ich sehe die vielen Menschen, die ich kennenlernen konnte, die vielen Sofas, die zu meinem Bett wurden und die vielen, großartigen Erlebnisse. In einem Jahr hatte ich 5 verschiedene Länder besucht und war insgesamt 4 Monate im Ausland. Herrliche Zeiten.

Was ich gerne ausblende: Wenn ich mich nach einem stressigen Arbeitstag mal wieder in diesen glorreichen Heldenzeiten verliere, vergesse ich schnell, dass auch damals nicht alles mit Zuckerguss überzogen war. Mein Rucksack ging mehrfach verloren, das eine oder andere Sofa hat vor allem für Rückenschmerzen gesorgt, die vielen Monate in denen ich eisern gespart, jede Überstunde mitgenommen hatte, die ich ergattern konnte und auf so ziemlich alles verzichtet habe, um mir ein Flugticket ins Nirgendwo zu leisten… da hab ich auch so manchen Tag verdammt.

Wie oft habe ich geflucht, wenn ich einen Fahrplan nicht entschlüsseln konnte? Und wie viele hunderte Kilometer bin ich zu viel gelaufen, weil freundlich gemeinte Wegbeschreibungen missverstanden wurden? Auch wenn es heute noch so schillernd erscheint, es war nicht alles Gold. Bei genauerer Betrachtung ist es eher verwunderlich, dass es mich TROTZDEM immer wieder in die Welt hinausgezogen hat. Das Reisen ist ein Bestandteil in meinem Leben und es gibt gute Gründe, zu verreisen. Nichtsdestotrotz, als Töchterli knapp ein Jahr alt war, ging es mit ihr zum ersten Mal auf große Tour.

Das Ende einer Reise-Ära? Nein, der Spaß fängt erst an!

Meine letzte größere Reise hatte im Frühjahr 2011 stattgefunden. Ich war für einige Monate in Budapest in Ungarn für ein Auslandspraktikum im Goethe-Institut. Nach meiner Rückkehr hatte ich nur noch ein Jahr Studium vor mir – also nur noch ein Jahr die Welt zu erobern, bevor der Ernst des Lebens zuschlagen sollte. Mein Freund und ich planten für diese letzte Gelegenheit etwas Großes. Indien. Rundreise. Mehrere Wochen. Der krönende Abschluss für die beste Zeit des Lebens. Wir planten, wir sparten, wir suchten nach passenden Flügen. Doch wie das so ist, wenn man so schön plant – es kommt alles ganz anders. Der Ernst des Lebens hatte andere Pläne mit uns und teilte uns dies mit zwei blauen Strichen mit, die nicht deutlicher hätten zeigen können, was da auf uns zukommt. Töchteli.

Reisen mit Baby – im Vorbereitungswahn

Na klar, Indien eignete sich nun nicht unbedingt für die erste Reise zu dritt. Wir mussten uns ein klein wenig verkleinern. Und nur ein Rucksack würde vermutlich auch nicht ausreichen. Lange Strecken wollten wir ebenfalls nicht überwinden müssen. Freund Mut und Kumpel Waghalsigkeit hatten sich verabschiedet. Stattdessen saßen uns nun Tante Sicherheit und Schwester Vorbereitung im Nacken. Wir entschieden uns für ein Ziel innerhalb des Landes, Hauptsache am Meer. Usedom wurde auserkoren.

Je mehr wir planten, desto vorsichtiger wurden wir. Die Gepäckberge wuchsen und Töchterli beobachtete gespannt, wie Mami immer mehr und mehr Windelpakete, Strampler, Babyhandtücher und Sonnencreme auftürmte. Ihr Blick sagte nur eines:

„Mami, den ganzen Kram brauch ich doch gar nicht. Los, ab ans Meer jetzt.“

Wir verschlangen im Vorfeld jeden Reiseratgeber mit Kind. Wie lange darf ein Baby im Auto sitzen? Sollten wir besser eine Zwischenübernachtung einplanen? Dürfen Babys überhaupt Sonnencreme verwenden? Und was ist mit der Strahlung? Ozonloch, Salzgehalt im Meer, Glas am Strand, zu viel Wind an der Küste… Ich war bereits Tage vor der Reise fix und alle.

Doch dann ging es los

Die Fahrt dauerte nur vier Stunden. Meine Hände waren feucht und mein Hals bereits total steif, weil ich die meiste Zeit verkrampft nach hinten schaute, um zu überprüfen, ob Töchterli noch zufrieden und ohne Wirbelsäulenschaden in ihrer Autoschale lag. So nervös und angespannt war ich nicht einmal, als ich vor einigen Jahren meinen Weiterflug in Spanien verpasst hatte.

Töchterli ging die ganze Aufregung ziemlich am Popser vorbei. Sie ruhte in sich wie ein kleiner Buddha. Zwei Stillmahlzeiten und eine gewechselte Windel später waren wir endlich da, unser Ferienhaus wartete bereits. Töchterli war sichtlich erstaunt über die Veränderung ihres Umfeldes. Von Schüchternheit jedoch keine Spur. Schnurstracks krabbelte sie ins Wohnzimmer, inspizierte das Sofa und die Terrassentür. Es war geschafft, wir sind heil angekommen.

Töchterli entdeckt die große, weite Badewanne

Die Woche, die wir für unsere Reise ausgewählt hatten, war besonders heiß. Dies hatte zur Folge, dass es nur zwei Zeiten gab, an denen wir zum Strand konnten – früh am Morgen und spät am Nachmittag. So kam es, dass wir bereits kurz nach 7 Uhr in der Frühe auf dem Weg zum Meer waren. So etwas wäre mir in der Studentenreisezeit im Traum nicht eingefallen. 7 Uhr – da war ich in der Regel gerade erst ins Bett gekommen…

Doch Töchterli hielt auch auf Reisen an ihren Schlafgewohnheiten fest und schnatterte schon 6 Uhr munter drauf los. Ein kurzes Frühstück, dann machten wir uns auf den Weg. Trotz der Uhrzeit spazierten wir bereits bei 22 °C der Strandpromenade entgegen. Dann erblickten wir ein recht ungewöhnliches Bild – ein leerer Strand.

Wir erkannten sofort das Potential, wenn man mit Baby verreist – zu dieser Uhrzeit gehört der Strand dir! Wahnsinn. Die nächste Herausforderung ließ nicht lange auf sich warten. Strandmuschel aufbauen, Baby mit Babysonnenmilch ausstatten, Schwimmwindel an, Bade-T-Shirt an, Mützchen mit Nackenschutz auf. Ein Kraftakt. Töchterli hat die ungewohnte Prozedur kein bisschen gefallen. Und sobald ich mich umdrehte, versuchte sie mit aller Macht ihr komisches, an der Haut klebendes Outfit wieder loszuwerden. Nach einem 20-minütigen Kampf beschlossen wir, einen Kompromiss zu finden. Töchterli durfte auf die Klamotten verzichten, ABER die Mütze musste bleiben und sie musste innerhalb der Muschel sitzenbleiben. Sofort kehrte Frieden ein und ich begriff:

„Nur ein Nackidei-Baby ist ein glückliches Baby“

Irgendwann wurde es mir zu warm und ich suchte Abkühlung im Meer, der Papa könnte ja mit Töchterli hier auf mich warten. Doch Töchterli hatte andere Pläne. Sie krabbelte mir sofort durch den weichen Sand hinterher.

„Nimm sie doch mit ins Wasser!“

Geht das denn? Fragte ich mich. Obwohl ich inzwischen schon seit einigen Monaten mit Töchterli zusammenlebte, überkamen mich manchmal immer noch Zweifel bezüglich der Stabilität eines Babys. Sofort schoßen mir Horrorszenarien durch den Kopf. Töchterli versinkt im treibsandartigen, nassen Sandstrand, Töchterli schluckt Salzwasser und trocknet von innen aus, Töchterli wird von einem Hai attackiert, da der süße, köstliche Babyduft auch über die Meere hinaus zu erschnuppern ist. Zugegeben, bei dem Hai-Szenario kam ich mir dann selbst albern vor und Töchterli hatte inzwischen genug Zeit, sich auch noch die Windel abzustrampeln und nun so rosig wie Gott sie schuf im Ostseesand zu sitzen.

Zu dritt machten wir uns auf zum Meer. Töchterli thronte auf Papas Arm und bestaunte laut quietschend diese gigantische Badewanne. Ich ging schon etwas vor, einer musste ja testen, ob die Wassertemperatur babyfreundlich war. Und während ich schon die ersten Runde drehte, hörte ich nur noch den Papa lautstark lachen. Ich drehte mich um und sah den Grund.

Töchterlis Begeisterung vom Meer war so groß, dass sie diese neue Welt sofort für sich markieren musste. Dem Papa blieb nichts anderes übrig, als Töchterli mit beiden Armen weit weg von sich selbst zu halten, während die Kleine erstmal in aller Ruhe ihre Pullerpause einlegte.

“Das Reisen mit Kind ist für mich positiver Nervenkitzel!”

Danach gab es kein Halten mehr. Zu dritt schwammen wir unsere Runden, selbst höhere Wellen wurden quietschend und glucksend empfangen, Töchterli war außer sich vor Freude. Sofort erinnerte ich mich zurück, wie gern ich selbst als Kind am und vor allem im Meer war. Töchterli erinnerte mich an diesen Spaß, an diese pure Freude.

Jeden Morgen besuchten wir das Meer, jeden Morgen quietschte Töchterli schon hoch erfreut, wenn wir die Strandtasche packten und jeden Morgen wurde ich selbst entspannter. Zu sehen, wie sehr sich dieser kleine Mensch über so etwas einfaches, wie die zwei Stunden am Strand freuen kann, machte mich schlichtweg glücklich. Und dann viel mir wieder ein, warum ich immer so gerne und so viel gereist bin:

„Reisen macht glücklich“

Und Reisen mit Kind macht sogar doppelt glücklich. Wenn sich Töchterli freut, freue ich mich erst recht und diese ersten Reisetage mit ihr zählen heute zu unseren schönsten Reiseerinnerungen.

Und heute? Reisen mit Kind…

Mein Reiseverhalten mit Kind hat sich natürlich verändert. Allerdings nicht zum Negativen. Wir schauen viel genauer hin, legen mehr Wert auf die kleinen, besonderen Dinge, anstatt krampfhaft nach dem großen Abenteuer zu suchen. Inzwischen ist Töchterli schon 3 Jahre alt und wir haben bereits mehrere Reisen gemeinsam erlebt. Auch Abenteuer waren schon dabei, wie auf unserer Reise in den hohen Norden Dänemarks.

Töchterli schlägt übrigens ganz nach mir. Schon jetzt ist ihre Reiselust geweckt, schon jetzt fragt sie uns, wann wir das nächste Mal wegfahren. Das Reisen mit Kind verläuft bei uns unproblematisch. Selbst lange Fahrtzeiten von 13 Stunden und mehr nimmt sie spielend, teilweise sogar entspannter, als die Erwachsenen. Und ich werde mutiger. Von der Ostsee ging es an die Loreley, später an die Nordspitze Dänemarks – wie weit kann es da schon noch bis Indien sein? ;)